Um diese Frage beantworten zu können, müssen wir zunächst einmal ergründen, was eine Hexe ist. Die Bezeichnung "Hexe"
stammt vom althochdeutschen "hagzissa" ab. Es bedeutet soviel wie »die auf dem Zaun Reitende«.
Die Übersetzung bringt uns zunächst nicht weiter, aber wenn wir uns die Verhältnisse in einem Dorf der Bronzezeit vor
Augen führen, wird die Sache schon klarer:
Das Leben der Dorfbewohner war ein fortdauernder Kampf gegen Feinde und wilde Tiere. Um einen gesicherten Bereich zu
schaffen, war das Dorf mit einer schützenden Umzäunung umgeben. Der letzte Ring dieses Verteidigungssystems bestand in
der Regel aus einer dichten Dornenhecke. Innen befand sich der geschützte Bereich, in dem man sich behaglich zurücklehnen
konnte. Hier gab es Vereinbarungen und Bestimmungen, die den alltäglichen Umgang miteinander regelten. Hier kannte man
sich aus, hier konnte man sich sicher fühlen.
Jenseits der Dornenhecke lauerten alle nur erdenklichen Gefahren, hier war 'terra incognita', unbekanntes Land. Man war
anderen Menschen, wilden Tieren und den Naturgewalten ausgeliefert. Die Gesetze der Dorfgemeinschaft hatten hier keine
Gültigkeit, denn niemand wachte über ihre Einhaltung. Man war in einer unwirtlichen Umgebung ausschließlich auf sich
selbst gestellt.
Was hat dies nun mit einer Hexe zu tun?
Man sah die Hexe in Vorzeiten als eine Person, die auf dem Zaun 'reitet'. Dazu muß sie viererlei Dinge können:
-
Sie weiß intuitiv um die Natur des 'Zauns', der Grenze zwischen der gewohnten Welt der Menschen und der 'anderen Welt',
in der völlig andere Gesetze herrschen. Die Hexe kann mit dem Zaun umgehen. Wo andere sich übelste Verletzungen zuziehen,
kann sie sich frei bewegen. Sie kann den Dornen ausweichen und kennt die durchlässigen Stellen.
-
Sie weiß um die Natur der Menschen im Innern der Umzäunung. Sie kennt die Gesetze, die das nachbarliche Zusammenleben
regeln und beachtet sie. Sie ist hilfsbereit und wendet ihr Wissen um die Dinge an, um das Leben diesseits des Zauns für
sich und andere ein bißchen lebenswerter zu gestalten.
-
Sie ist in Lage, die Wesen, Kräfte und Mächte jenseits des Zauns einzuschätzen und besitzt die Fähigkeit,
verantwortungsvoll mit ihnen unzugehen. Dazu bemüht sie sich, die Zusammenhänge in der Natur zu erkennen, denn diese
Kräfte stellen Natur im ursprünglichsten Sinne dar, wild, ungezügelt und übermächtig. Sie weiß, daß sie innerhalb der
Gemeinschaft der Menschen vielerlei Beschränkungen unterliegt, die dort ein reibungsloses Zusammenleben garantieren.
Sie weiß aber auch, daß sie außerhalb des Zaunes, außerhalb der Grenzen der alltäglichen Welt, in der 'Anderswelt'
hoffnungslos unterliegen muß, wenn sie diese Beschränkungen auch dort beibehält. Sie muß also in der Lage sein, in dem
Moment, in dem sie durch den Zaun schreitet, alles abzulegen und aufzugeben, was diesseits der Barriere Gültigkeit hat.
Die Aufgabe altbewährter Denkmuster und Schemata ist die größte und schwierigste Aufgabe für eine angehende Hexe, da sie
hier gezwungen wird, ihre ureigensten Ängste zu überwinden.
-
Sie ist in der Lage, ununterbrochen zu lernen. Im Umgang mit der 'Anderswelt' wird sie nie an den Punkt gelangen, an dem
sie sagen kann, daß sie jetzt alles schon einmal gehabt hat.
Wir sehen also, daß wir uns dann als Hexe eignen, wenn wir sowohl mit der Alltagswelt als auch mit der 'Anderswelt' im
Reinen sind und wenn wir in der Lage (und mutig genug) sind, unseren 'inneren Schweinehund' zu besiegen. Wir müssen dabei
beachten, daß der Weg der Hexe kaum umkehrbar ist. Die Dinge, die wir auf unserem Werdegang kennengelernt und losgetreten
haben, werden unser weiteres Leben entsprechend formen. Eine Hexe gibt auch nicht auf, wenn sich ihr momentan
Schwierigkeiten in den Weg stellen. Sie wird solange üben und experimentieren, bis die Hindernisse überwunden sind.
Und - zu guter letzt - eine richtige Hexe wird nicht deshalb Hexe, weil sie die Halloween-Feier ihres Zirkels so schick
findet. Eine Hexe ist mit Leib und Seele Hexe - oder garnicht.
|